Schaumkalk: Unterer Muschelkalk (Wellenkalk oder Jena-Formation)

Ein wesentlicher Teil der historischen Gebäude im Saale-Unstrut-Triasland wurde aus Schaumkalk errichtet. Durch viele Jahrhunderte hindurch wurde der begehrte Stein gebrochen. Von dieser langen Geschichte der Steingewinnung zeugen zahlreiche Steinbrüche in der Region. Viele der Jahrhunderte alten Brüche sind inzwischen verfüllt, verfallen und überwachsen. Ihre Spuren sind aber häufig noch morphologisch im Gelände zu erkennen. Aus der Steingewinnung der letzten etwa hundert Jahre sind indessen noch zahlreiche Brüche übrig geblieben, und auch heute geht der Steinbruchbetrieb noch um. So ist insgesamt für den Schaumkalk eine hervorragende Aufschlusssituation vorhanden. Kein anderes Niveau des Unteren Muschelkalkes lässt sich in der Region so komfortabel untersuchen.

Der Schaumkalk besteht überwiegend aus massigen, porösen Werksteinbänken. Dieser Gesteinscharakter entstand überall dort, wo der Schaumkalk oberflächennah ansteht Durch die Lösung von Partikeln im Verwitterungsbereich blieben feine Hohlräume zurück, die den porösen Charakter des Gesteins verursachen - wie ein feinporiger Porenbeton moderner Herstellung. Das Gestein besteht praktisch nur noch aus der Matrix, in die die Partikel eingebettet waren, und Kalzitzement, der sich im Laufe der Diagenese bildete. Früher nahm man an, die Partikel seien Ooide gewesen - radialstarhlig-schalig aufgebaute Partikel, die in warmen, kalkübersättigten Meeren unter ständiger Wellenbewegung entstehen (z.B. Bahama Bänke). Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wies der Thüringer Geologe Bornemann nach, daß die Schaumkalke des mu kaum aus echten Ooiden bestehen, sondern aus Partikeln unterschiedlicher Natur. Für die verschiedenen Partikel gibt es heute in der Sedimentologie eine komplexe Terminologie (die wir hier nicht erörtern können). Korrekterweise müssen wir den Schaumkalk aber als pseudo-oolithisches Gestein bezeichnen. Wichtig ist: Aus dem besonderen Charakter des Gesteins leiten sich auch seine technischen Vorzüge ab. Der Stein läßt sich im bergfeuchten Zustand hervorragend bearbeiten und härtet bei Austrocknung so gut aus, daß Stabilität und Druckfestigkeit sehr gute Werte erreichen. Ein Handstück aus dem Schaumkalk kann man bequem mit einer üblichen Eisensäge formatieren!

In der Saale-Unstrut-Region erreicht die Schaumkalkzone um 7 - 10 m Mächtigkeit. Die Schwankungen hängen vor allem von der unteren oder Hauptbank ab. Sie erreicht bei Bad Kösen Spitzenwerte um 5 m, südlich von Laucha aber auch Minima von deutlich unter 2 m. Das Wellenkalkmittel ist mit Werten um 3 m überall ziemlich konstant ausgebildet, und auch die obere Schaumkalkbank bleibt mit Werten um 1 m recht konstant, differiert aber deutlicher in der Fazies. Dazu kommt die lokal unterschiedlich tief reichende Dolomitisierung.

Die Untere Schaumkalkbank zeigt sich im Aufschluß normalerweise als massiger Schaumkalk , der beim Anschlagen "mehlt" ("Mehlbatzen"). Schrägschichtungskörper zeugen von der Ablagerung in bewegtem Wasser. Die charakteristischen, oft von Organismen zerbohrten Hartgründe sowie rostbraun verwitternde Omissionsflächen mit Tonhäuten zeigen Phasen der Sedimentationsunterbrechung an. Dann konnten sich Seelilien auf den schnell verfestigten Sediment ansiedeln (Chelocrinus carnalli). Sie wurden manchmal von einer neuen Sedimentflut umgerissen und komplett verschüttet. Im Borntal bei Laucha ("Kristallbrüche") bestehen die höheren Partien der Hauptbank oft aus Trochiten und erinnern damit eher an den Trochiten- als an den Schaumkalk. Insgesamt ist der Schaumkalk die fossilreichste Abteilung des mu. Neben den verbreiteten Mollusken sind zahlreiche seltene Fossilien gefunden worden: Platten voller komplett erhaltener Seelilien (Chelocrinus), seltene Ammoniten (Parapinacoceras, Judicarites u.a.), Saurierreste (Placodus, Nothosaurus, Mixosaurus) und viele andere.

Auf der Hauptbank liegt oft eine dünne, aber harte, fein geschichtete Kalkbank. Bei Obermöllern ist sie völlig von den Bohrgängen des Spurenfossils Trypanites durchzogen. An diese charakteristische Bank schließt sich das Wellenkalkmittel zur oberen Schaumkalkbank an. Es ist wenig spektakulär, hat aber im Borntal recht schöne Exemplare der Muschel Plagiostoma lineatum geliefert.

Steinbruch am Himmelreich
Die obere Schaumkalkbank beginnt in unserer Region mit 1 - 3 feinkonglomeratischen Schüttungen (Lagen) voller kleiner, abgeflachter und offensichtlich eingeregelter Gerölle aus mikritischem Kalk ("Blaukalk"). Darin kommen nicht selten Knochen und Zähne von Fischen (Acrodus und Nephrotus) und Nothosauriern vor. Darüber folgt Molluskenschill-reicher Schaumkalk. Oft reicht die Dolomitiesierung bis unter dieses Niveau. Dann sind die Fossilien bis auf die phosphatischen Wirbeltierreste zerstört. Über der oberen Schaumkalkbank beginnt der Mittlere Muschelkalk mit den Unteren Dolomiten (Orbicularisschichten).